Corona-U-Ausschuss: „Unsere Effizienz ist uns zum Verhängnis geworden“
Große politische Aufarbeitung im Südtiroler Landtag: Am heutigen Donnerstag (4. Juni 2026) startete der Untersuchungsausschuss zur Corona-Pandemie (2020–2023) nach den Bereichen Gesundheit und Soziales nun mit der Phase „Politik und Sicherheitskräfte“. Das Fazit des Tages unter dem Vorsitz von Brigitte Foppa: Viel Selbstkritik, das Eingeständnis von Fehlern und ein roter Faden namens „heute sind wir klüger“.
Der Vormittag: Spitzenpolitik übt Selbstkritik
Am Vormittag standen Landeshauptmann Arno Kompatscher, der ehemalige Zivilschutz-Landesrat Arnold Schuler und Ex-Landtagspräsident Josef Noggler dem Ausschuss Rede und Antwort. Ein zentrales Thema war die Frage nach den tatsächlichen politischen Spielräumen des Landes gegenüber den engen Vorgaben aus Rom. Man habe zwar versucht, durch das Landesgesetz vom Mai 2020 eigene Wege zu gehen, stieß dabei aber schnell an die Grenzen staatlicher Anfechtungen.
Kompatscher: Maskenpflicht im Freien und Schulschließungen heute undenkbar
Landeshauptmann Arno Kompatscher reflektierte die damaligen Entscheidungen durchaus selbstkritisch. Bestimmte Maßnahmen würde er mit dem heutigen Wissen nicht mehr so verfügen – eine Einsicht, die er auch europaweit so sieht.
Als Beispiele für nicht sinnvolle Maßnahmen, die eher zu Angst und Verunsicherung führten, nannte er:
- Die Maskenpflicht im Freien
- Lautsprecherdurchsagen aus vorbeifahrenden Autos (etwa in Bozen)
- Das Abzäunen von Kinderspielplätzen, wodurch psychologische und körperliche Aspekte der Kinder zugunsten einer reinen Fokussierung auf die Gesundheit komplett in den Hintergrund gedrängt wurden.
Ein besonders brisantes Zitat fiel zum Thema Massentests. Hier sagte Kompatscher wörtlich:
„Unsere Effizienz ist uns auch zum Verhängnis geworden.“
Durch die extrem hohe Testquote in Südtirol rutschte das Land im staatlichen Ampelsystem schnell in die „Rote Zone“, was die Restriktionen für die Bevölkerung verschärfte – ein Effekt, der laut heutiger Erkenntnis den eigentlichen Sinn der Übung am Ende nicht erfüllt und die Situation unnötig verschärft hat. Zudem sprach der Landeshauptmann ethnische Wahrnehmungsunterschiede an (Deutsche riefen eher nach Öffnungen, Italiener nach Strenge) und räumte ein, dass man bei den Suspendierungen des Sanitätspersonals „bessere Wege hätte finden sollen“.
Schuler vermisste europäische Abstimmung
Der damalige Zivilschutz-Landesrat Arnold Schuler betonte, dass es in der Pandemie keine Blaupause gab. Als großen Fehler bezeichnete er rückblickend die mangelnde Abstimmung auf europäischer Ebene. Weil Bürger ständig Maßnahmen verglichen, sei Misstrauen und Verunsicherung entstanden. Auch er gab zu, dass im öffentlichen Diskurs teils Ängste geschürt wurden. Zur Beschaffung (Stichwort Oberalp) stellte Schuler klar: Der lokale Zivilschutz war dafür rechtlich nicht zuständig, das war Staatssache; für zusätzliche Notfälle hatte die Landesregierung die Aufgabe an den Sanitätsbetrieb übergeben.
Noggler: „Zeit hat Spuren hinterlassen“
Ex-Landtagspräsident Josef Noggler schilderte die massive Schwächung der Legislative (des Parlaments) in dieser Zeit. Das Führen des Landtages unter diesen Einschränkungen sei absolutes Neuland gewesen. Der demokratiepolitische Einschnitt sei im Landtag noch heute spürbar.
Der Nachmittag: Der Blick auf die Gemeinden und die Ortspolizei
Am Nachmittag verlagerte sich der Fokus auf die konkrete Umsetzung vor Ort in den Dörfern und Städten. Angehört wurden Christian Carli (Vorsitzender der Südtiroler Vereinigung der Ortspolizei SVOP) und Andreas Schatzer (damaliger Präsident des Rates der Gemeinden).
Ortspolizei setzte auf „Hausverstand“
Christian Carli berichtete vom Spagat der Einsatzkräfte. Bei den Kontrollen der staatlichen und landesweiten Regeln habe man versucht, mit Augenmaß vorzugehen: Erst informieren, nur im Extremfall strafen. Wenn sich Jugendliche trafen, drückte man auch mal ein Auge zu.
Interessant ist die psychologische Dynamik, die Carli und Ausschussvorsitzende Foppa beschrieben:
- Anfangsphase: Großer Respekt und Angst vor der Krankheit führten zu hoher Akzeptanz der Regeln in der Bevölkerung.
- Spätere Phase: Mit den Impfungen sank die Angst, die Luft war raus. Die Menschen wurden – auf gut Südtirolerisch – „stuff“ (müde/überdrüssig). Das bekamen auch die Ordnungskräfte zu spüren, da der gesellschaftliche Konsens schwand und die Kontrollen immer kraftraubender wurden.
Bürgermeister als Zivilschützer an vorderster Front
Andreas Schatzer beleuchtete die Rolle der Bürgermeister, die als oberste Zivilschutzbehörde der Gemeinden Massentests koordinieren und Quarantänefälle (über die Ortspolizei) überwachen mussten. Während er die Maßnahmen damals als Bürgermeister für angemessen hielt, sieht er heute – wie so viele an diesem Tag – einiges als überzogen an.
Fazit der Ausschussvorsitzenden Brigitte Foppa: Die Erkenntnis, dass man heute vieles anders und milder handhaben würde, zieht sich als roter Faden durch die gesamten Anhörungen dieses ersten Tages im Bereich Politik. Die Aufarbeitung wird fortgesetzt.
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