Brennende Augen, offene Fenster trotz nächtlichem Lärm und pure Frustration: Zwischen der Trientstraße, der Triester Straße und den Wohnvierteln am Eisackufer ist an Schlaf derzeit kaum zu denken. Der Grund ist ein Mega-Baustellen-Endspurt direkt vor der Haustür. SÜDTIROL NOW hat nachgeforscht, was hinter dem nächtlichen Lärm-Terror steckt – und wie lange die Bozner noch durchhalten müssen.
Von der SÜDTIROL NOW-Redaktion
Wer in den letzten Nächsten in Bozen-Zentrum oder entlang des Eisacks das Fenster kippen wollte, erlebte ein böses Erwachen – oder kam erst gar nicht erst zum Einschlafen. Ein tiefes, rhythmisches Dröhnen hallt durch das Becken. Die dumpfen Schläge von hydraulischen Abbruchhämmern (besser bekannt als tonnenschwere Presslufthammer) übertragen sich über das Felsgestein des Virgls kilometerweit in die Schlafzimmer der Landeshauptstadt.
Was wie ein illegaler Schildbürgerstreich mitten in der Nacht klingt, ist in Wahrheit ein staatlich abgesegneter Wettlauf gegen die Zeit.
Das 73-Millionen-Projekt: Darum vibriert der Fels
Hinter dem ohrenbetäubenden Lärm steckt eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte des Landes: der neue, dreigleisige Virgl-Eisenbahntunnel.
Das von der italienischen Bahngesellschaft RFI vorangetriebene 73-Millionen-Euro-Projekt soll das chronische Nadelöhr am Bozner Bahnhof endgültig beseitigen. Sobald der 1,2 Kilometer lange Tunnel fertiggestellt ist, können die Züge der Meraner Linie und der Vinschger Bahn unabhängig von der Brennerachse direkt in den Bahnhof Bozen einfahren. Für die Pendler bedeutet das: keine Wartezeiten mehr auf offener Strecke, höhere Pünktlichkeit und die langersehnte Einführung des 15-Minuten-Takts.
PNRR-Milliarden im Nacken: Der Druck ist enorm
Dass das beauftragte Bauunternehmen (das Konsortium D'Agostino Costruzioni) nun im 24-Stunden-Modus rund um die Uhr – auch an Feiertagen – den Fels bearbeitet, hat einen handfesten finanziellen Grund: Das Projekt wird maßgeblich aus dem nationalen Wiederaufbauplan (PNRR) finanziert.
Und diese EU-Gelder fließen nur, wenn die Deadlines exakt eingehalten werden. Weil das Konsortium in den vergangenen Monaten durch unerwartete geologische Schwierigkeiten im Fels massiv in Verzug geraten ist, brennt auf der Baustelle im wahrsten Sinne des Wortes Tag und Nacht das Licht. Das erste Gleis des neuen Tunnels muss laut RFI-Vorgabe bis Ende des Jahres fertiggestellt sein. Werden die Fristen gerissen, droht der Verlust von Fördergeldern in zweistelliger Millionenhöhe.
Bürgermeister hat Hände gebunden: Alles legal
Viele genervte Bürger forderten bereits ein Einschreiten der Behörden. Doch Boznern, die auf die Ortspolizei hoffen, muss der Wind aus den Segeln genommen werden: Die Nachtarbeit ist völlig legal. Für den Tunnelvortrieb liegen dem Unternehmen rechtsgültige Ausnahmegenehmigungen vor, die den 24-Stunden-Betrieb erlauben.
Dennoch wächst der politische Druck. Angesichts der Beschwerdewelle ist in der Stadtverwaltung eine Krisensitzung mit Technikern des Landes und Vertretern der RFI geplant. Geprüft wird:
- Ob die lärmintensivsten Arbeiten (wie der Einsatz der Abbruchhämmer) in die frühen Abendstunden verlegt werden können, während in den Kernnachtstunden (23:00 bis 05:00 Uhr) leisere Arbeiten wie der Materialabtransport stattfinden.
- Ob kurzfristig installierte Schallschutzvorhänge direkt am Tunnelmund den Schalldruck zumindest teilweise dämpfen können.
Wie lange dauert der Lärm noch?
Eine schnelle Entwarnung gibt es leider nicht. Da der Baufortschritt direkt von der Härte des Gesteins abhängt, lässt sich kein exakter Tag für das Ende der lauten Phase nennen. Fakt ist jedoch: Der intensive Tunnelvortrieb und die dazugehörigen Felssicherungen werden sich voraussichtlich bis in den Hochsommer (Juli/August) hineinziehen. Bis dahin bleibt auch die Straße Untervirgl zwischen der Innsbrucker Straße und der Kalvarienbergstraße für den Verkehr komplett gesperrt.
Für die betroffenen Bozner heißt es also weiterhin: Ohropax bereitlegen und durchhalten für den Bahnausbau der Zukunft.
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