Mein Trauma, das nie verheilt ist – und warum ich nicht mehr schweige
Hoi Südtirol! Hier ist Patrick, der Kopf hinter Südtirol Now.
Heute erzähle ich euch eine sehr persönliche Geschichte. Ein Trauma, das ich bis heute – über 20 Jahre danach – noch nicht verarbeiten konnte. Meine persönliche Hölle, in der ich gefangen war. Eine Geschichte, die sich tief in mir verwurzelt hat… und die ich jetzt erstmals öffentlich mache.
Am Wochenende habe ich angefangen, auf der Facebook-Seite von Südtirol Now ein wenig aus meinem Leben zu teilen. Dabei habe ich auch offengelegt, dass ich unter einer psychischen Beeinträchtigung leide. Ich dachte mir ehrlich gesagt: Ach, das lesen eh nur ein paar Leute, ist nicht weiter schlimm. Doch da habe ich mich gewaltig getäuscht. Der Beitrag erreichte Tausende Menschen und ging auf Facebook viral.
Das hat mich im ersten Moment extrem beschäftigt. Mein Gedankenkarussell lief auf Hochtouren und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, den Beitrag wieder zu löschen. Doch nach einigen Stunden kamen die ersten Kommentare und Reaktionen. Sie waren so voller Wärme, Verständnis und Positivität, dass sie mich tief gestärkt haben. Da habe ich kapiert: Ich muss mich nicht verstecken.
Triggerwarnung: Dieser Text enthält sensiblen Inhalt. Ganz unten habe ich die Kontaktdaten zur Telefonseelsorge Caritas eingefügt.
Deshalb habe ich mich entschlossen, meine Geschichte weiterzuerzählen.
Wie schon erwähnt, kämpfe ich mit mentalen Problemen. Ich leide schon mein ganzes Leben lang unter einer Persönlichkeitsstörung – die erste Diagnose bekam ich mit etwa 17 Jahren. Heute möchte ich über etwas sprechen, das mich bis heute verfolgt. Etwas, das mich in jungen Jahren in eine tiefe Krise gestürzt hat, mich psychisch so sehr zerstörte, dass ich am Ende in der Psychiatrie und in einem Übergangswohnheim landete. Und hiermit oute ich mich auch öffentlich als homosexuell.
Mit etwa 16 Jahren habe ich mich zum ersten Mal verliebt – in einen etwas jüngeren Jungendlichen. Wir verbrachten wunderschöne Wochen miteinander, haben viel unternommen und einfach die Zeit genossen. Es war die schönste Zeit meines Lebens – und zugleich der Beginn des Schrecklichsten, was mir je passiert ist.
Nach einigen Wochen schlug ich ihm vor: Lass uns outen und es unseren Eltern sagen. Dieser eine Satz veränderte alles.
Er war nicht der Sohn einer „normalen“ Familie. Es war eine Familie mit einem großen Unternehmen: Geld, Macht und Einfluss. Nachdem er seinen Eltern von uns erzählt hatte, herrschte tagelange Funkstille. Bis ich über Ecken erfuhr, wie seine Familie reagiert hatte…
Genau jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, fängt mein Herz wieder an zu rasen. Selbst nach so langer Zeit sitzen die Wunden tief.
Mir wurde jeglicher Kontakt zu ihm verboten. Ich konnte ihn nicht mehr erreichen – weder telefonisch noch schriftlich. Aus meinem Umfeld hörte ich nur wilde Gerüchte darüber, wie die Familie reagierte und wie es meiner großen Liebe ging. Schließlich landete er in der Psychiatrie. Als man mir erzählte, er habe Schnittwunden an den Armen, wurde ich von gigantischen Schuldgefühlen erschlagen.
Verzweifelt, von Schuld geplagt und ohne zu wissen, wie es ihm wirklich ging, ließ ich mich schließlich selbst in die Psychiatrie einweisen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits wieder draußen.
Nach einigen Wochen kam ich in ein Übergangswohnheim. Dort fing ich langsam an, mich zu erholen. Ich fasste wieder Mut, empfand Freude und genoss das Zusammenleben mit den anderen Menschen dort. Ich war auf einem guten Weg, wieder zu mir selbst zu finden.
Doch dann kam der eigentliche Tiefpunkt. Der Horror holte mich von einer Sekunde auf die andere ein.
Eine Betreuerin des Heims fing mich ab. All die Kraft, die ich mir über Wochen aufgebaut hatte, wurde mit einem einzigen Satz zunichte gemacht: Ein Anwaltsbrief war eingetroffen. Mir wurde gerichtlich und bei dramatischer Androhung jeglicher Kontakt zu der Person verboten, in die ich mich verliebt hatte.
Auch von meiner eigenen Familie bekam ich keinerlei Rückhalt. Niemand fragte mich, wie es mir ging. Niemand hielt zu mir. Die gemeinsamen Freunde brachen weg. Ich war isoliert, komplett auf mich allein gestellt und hatte absolut niemanden zum Reden.
Ich war gefangen in meiner eigenen, persönlichen Hölle.
Diese Geschichte konnte ich nie verarbeiten. Sie begleitet mich bis heute – 24 Jahre später. Man sagt, Zeit heilt alle Wunden. Aber diese inneren Narben sind nie verheilt. Wie es meiner Jugendliebe heute geht, was er macht und was damals abseits der Horrorgeschichten wirklich geschehen ist? Ich weiß es bis heute nicht. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.
Ich betreibe seit einem halben Jahr eine WhatsApp-Community zu dem Thema Mental-Health, also mentale und körperliche Gesundheit.
Die die Interesse haben und einen Beitritt wünschen, nehmt Kontakt mit mir auf und sendet eine Nachricht an info@suedtirolnow.it
Die Caritas-Telefonseelsorge in Südtirol ist unter der Nummer 0471 052 052 rund um die Uhr erreichbar. Sie bietet anonyme und kostenfreie Hilfe in Lebenskrisen.
Erreichbarkeit & Kontakt
- Telefonnummer: 0471 052 052 (24 Stunden am Tag, auch an Sonn- und Feiertagen)
- Online-Beratung: Über die offizielle Caritas Telefonseelsorge für Mailberatung und Chat
- Anonymität: Absolute Verschwiegenheit und Anonymität sind garantiert.
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